Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 23. August 2019

Ausgabe vom 10. Februar 1998

"Unverantwortlicher Kampagnen-Journalismus"

Wo detaillierte Informationen und Argumente nötig werden, verlegt sich die LN auf platte Propaganda

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Warum ist der Montag der angenehmste Arbeitstag für die Mitarbeiter der Hansestadt Lübeck? Antwort: Weil an diesem Tag keine LN erscheint und niemand zu befürchten hat, sich wieder einmal mit Falschmeldungen herumschlagen zu müssen.

Was als Witz auf den Fluren des Rathauses kursiert, hat indes einen ernsten Hintergrund. Schon lange fühlen sich Mitarbeiter der Verwaltung von dem Blatt - interne Buchstabierung für LN: "Lügt Notorisch" - systematisch schlecht geschrieben, fehlt der Glaube, daß eine objektive Berichterstattung mit einer guten Kooperation zu erzielen sei.

Nun besteht in vielen Städten eine angespannte Situation zwischen der örtlichen Lokalpresse und dem Rathaus - vor allem dort, wo es nur eine Zeitung in Monopolstellung gibt. Dies ergibt sich zum einen aus der unterschiedlichen Zielsetzung von Verwaltung und Presse. Auf der einen Seite steht der öffentlich finanzierte Dienstleister und Hoheitsträger, auf der anderen Seite der private, durch Anzeigen finanzierte Träger der Pressefreiheit, dessen Aufgabe es ist, die jeweils andere Seite kritisch zu beleuchten. Kritik ist gut, eine Kontrolle durch die Presse, der "Vierten Gewalt" im Staat geradezu geboten.

Doch dies beschreibt nicht annähernd die Lübecker Verhältnisse. "Etwas Derartiges habe ich noch nie erlebt," erzählte ein Korrespondent einer der größten deutschen Zeitungen kürzlich, als er für drei Tage zu einer Recherche an der Trave weilte. "Was ist mit dieser Zeitung los?"

Erklärungen für den Konflikt, der seit Jahren einen Kleinkrieg zwischen LN und Stadt anheizt, gibt es viele. Sie haben indes alle eine Wurzel, die nach Herrenholz reicht. Dort, im Verlagsgebäude der Lübecker Tageszeitung, werden die Strategien umgesetzt, die weit über die Funktion der vierten Gewalt hinausreichen, wie selbst Mitarbeiter des Hauses im vertraulichen Gespräch unumwunden einräumen. Die LN will nicht allein mahnen, nicht kontrollieren, nicht mitwirken an dem demokratischen Willensprozeß, an dem auch ihre Leser teilnehmen müssen. Sie will selbst Politik machen, bestimmen, wo es in der Hansestadt langgeht. Bestimmen, was ihre Bürger denken, wissen und entscheiden. Will dafür sorgen, daß die Interessen der LN und ihrer engsten Anhänger zum Zuge kommen.

Ein hervorragendes Beispiel für diesen "unverantwortlichen Kampagnen-Journalismus" (O-Ton eines LN-Redakteurs) des Herrenholzer Druckproduktes erlebten die Insider in der vergangenen Woche. Eine unterschiedliche Auffassung zum Vorgehen gegen Neonazis benutzte die Lübeck-Redaktion, um massiv gegen die Ordnungsbehörde und deren Chef, Bürgermeister
Michael Bouteiller, vorzugehen. Wieder einmal. "Er habe gezögert und gezaudert", lügt die LN. Der Bürgermeister habe die Polizeiarbeit behindert, Angriffe auf die Ordnungshüter als "Schabernack" abgetan und das Verwaltungsgericht in Schleswig in arge Nöte gebracht. Der LN-Schreiber versteigt sich gar zu dem absurden Kommentar, Bouteiller habe versucht, das Recht auf Versammlungsfreiheit auszuhebeln und den Nazis ein "tagelanges Forum in der

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