Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 22. August 2019

Ausgabe vom 10. Februar 1998

Ein beliebtes Strickmuster

Oder: Wie die LN ihre Leserschaft und die Öffentlichkeit in die Irre führt

Einer alten publizistischen Erkenntnis zufolge erzielt eine Nachricht besonders dann hohe Aufmerksamkeit, wenn sie unerwartet, ungewöhnlich ist. Journalisten und -innen nennen das die Mann-beißt-Hund-Regel (bei der SZ: Frau-beißt-Hündin-Regel). Denn wenn ein Hund einen Mann beißt, interessiert das niemanden, weil es alltäglich ist. Beißt der Mann jedoch den Hund, so ist das eine Schlagzeile wert, weil dies selten vorkommt und die Leser fesselt.

Dieses Grundmuster wird in der LN, ein Produkt des Verlagshauses Springer (BILD, Hörzu), häufig wie folgt umgesetzt:

Mittwoch: LN-Schlagzeile: "Unglaublich: Bouteiller beißt Hund". Stimmt zwar nicht, klingt aber gut. Das Rathaus protestiert gegen diese Falschmeldung, bittet um Korrektur in der nächsten Ausgabe und schlägt vor, künftig vor Veröffentlichung derartiger Zeitungsenten befragt zu werden. Antwort: Kommt nicht in Frage, wir lassen uns unsere schöne Geschichten doch nicht kaputtmachen.

Donnerstag: LN-Schlagzeile: "Tierschützer über Bouteillers grausame Attacke empört". Darunter ein Artikel, der Stellungnahmen von Tierschützern und politischen Gegnern breiten Raum gibt. Dazu ein Kommentar: "Der Hundeschänder".

Rathaus verlangt per Fax Korrektur der Falschmeldung vom Mittwoch. Antwort: "Nach Prüfung des Sachverhaltes können wir Ihrem Wunsch nicht entsprechen". Kurz darauf erbittet die LN eine Stellungnahme des Bürgermeisters zu den neuesten Rücktrittsforderungen innerhalb einer Stunde.

Freitag: LN-Schlagzeile: "Wir fordern die Abwahl Bouteillers". Unterzeile: "CDU-Wirtschaftsvereinigung will Schaden von der Hansestadt abwenden / Sondersitzung der Bürgerschaft gefordert". Bürgerschaftsmitglied Peter Sünnenwold wird zitiert: "Jetzt ist das Maß voll. Das Ansehen Lübecks in aller Welt steht auf dem Spiel".

Erste empörte Leserbriefe gehen ein. Bouteiller erhält Schmähanrufe und Drohbriefe. In der Fußgängerzone bauen Wählervereinigungen Unterschriftenstände auf. Motto: ,,Wir wollen keinen Bürgermeister, der Hunde beißt. Wir lieben Tiere". BILD-Hamburg greift den Fall auf: "Jetzt hat er Tollwut. Bouteiller schlägt seine Zähne in Schlagader von Polizeihund: tot."

Sonnabend: LN: "Innenminister prüft Disziplinarverfahren gegen Bouteiller". Darunter ein Artikel mit dem Inhalt, daß das Innenministerium in Kiel auf LN-Anfrage den Eingang eines Briefes von Sünnenwold bestätigt habe. Die LN-Frage des Tages an die Leserschaft lautet: "Soll ein Bürgermeister Hunde beißen dürfen? Schreiben Sie !".

In der Spalte "Aus dem Rathaus" bescheinigt die LN Bouteiller, ein ungewöhnlich kaltherziger und grausamer Mensch zu sein, der sich beharrlich dem Mehrheitswunsch der Bevölkerung widersetze, sein Amt niederzulegen. "Was ist das für ein Mensch, der nicht wahrhaben will, daß Attacken auf friedliebende Hunde unvereinbar sind mit der Würde seines Amtes?"

Daneben eine Meldung, daß jetzt auch der Bund der Steuerzahler den Rücktritt Bouteillers fordere, da die zu erwartenden Schadensersatzforderungen von Hundebesitzern den überschuldeten Haushalt der Hansestadt zusätzlich belasten werde.

Sonntag: Wegen des großen Echos aus der Leserschaft veröffentlicht die LN eine Extraseite mit Leserbriefen zum Thema und fordert eine Einwohnerversammlung in der MuK. Motto: "Wir wollen eine tierfreundliche Stadt". LN-kritische Briefe wandern in den Redaktionspapierkorb - sie tauchen als Kopie später bei der SZ auf. Die inzwischen beim Gericht erwirkte Gegendarstellung des Bürgermeisters wird in den LN nicht abgedruckt - die einstweilige Anordnung des Gerichtes mißachtet.

Rund zwei Jahre später nach Prozessen durch alle Instanzen: LN veröffentlicht an versteckter Stelle einen kleingedruckten Widerruf des Bürgermeisters, demzufolge er nie einen Hund gebissen habe und an dem fraglichen Tag auf Dienstreise gewesen sei. Zusatz der Redaktion: "Nach dem Landespressegesetz sind wir verpflichtet, Gegendarstellungen unabhängig vom Wahrheitsgehalt zu veröffentlichen. Die LN bleibt bei ihrer Darstellung."

Wer's nicht glauben kann, muß sie lesen, die LN - täglich, so wie wir.

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