Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 18. August 2019

Ausgabe vom 12. September 2000

Was ist Bildung?

Ansichten (5): Senator Meyenborg

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Ulrich Meyenborg; Foto: Privat

Nicht wenige Zeitgenossen konstatieren einen Umbruch von der Bildungs- zur Wissensgesellschaft. Dazu nehmen Persönlichkeiten aus der Hansestadt dazu Stellung. Zum Schluß: Kultursenator Ulrich Meyenborg, SPD.

Der Mensch wird mit einem genetischen Potential - seinen Erbanlagen - geboren, das sich in mehr als hunderttausend Generationen, überwiegend in "grauer" Vorzeit, bei seiner Entwicklung zum homo sapiens gebildet hat. Die Zeit des Menschen der letzten Eiszeit, den wir als unseren direkten Vorfahren genauer zu kennen glauben, liegt nur etwa tausend Generationen zurück. Seit Christi Geburt zählen wir weniger als einhundert Generationen. Unser genetisch festgelegtes Erbe ist also evolutionär vom Überlebenskampf des Vormenschen und des frühen homo sapiens mit seiner Sippe beziehungsweise seinem Stamm geprägt. Diese Erbanlagen sind hoch brisant und gefährlich, wenn es gelingt, ihre Verhaltensmuster abzurufen.

Bildung ist eine individuelle Angelegenheit, durch die der Mensch seine geistige und seelische Gestalt gewinnt. "Gut und Böse", gerecht und ungerecht, der Mensch bildet in diesem kulturellen Bildungsprozeß auch sein Gewissen, wofür es sicher ebenfalls eine genetische Matrix gibt. Aber die "kulturelle Bildungs-Schale", die den gefährlichen Teil unserer genetischen Disposition blockiert, ist durchlässig. Je dünner sie ist, desto schneller kann sie von richtig verpackten Signalen durchdrungen werden und gefährliche Muster unserer primitiven Instinkte auslösen. So sind zum Beispiel Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhaß - mit allen schlimmen Folgen bis hin zum Völkermord - ein typisches genetisches Erbe der Evolutionsgeschichte des Menschen.

Bildung findet zunächst und zuallererst im privaten Raum und seinem engeren Umfeld statt; das heißt, der Mensch wird in dem gesellschaftlichen Raum geprägt (gebildet), in dem er aufwächst. Es ist deshalb die Aufgabe der öffentlichen Bildung - im wesentlichen durch die Schule -, Chancengleichheit für alle Menschen herzustellen: in der Allgemeinbildung, in der sozialen Bildung, beim Herausfinden besonderer Begabungen und Fähigkeiten und bei deren Förderung.

Der Grundsatz der Chancengleichheit wurde Jahrhunderte lang wegen eines sehr einseitigen geisteswissenschaftlich geprägten Bildungsbegriffs kaum beachtet. Besonders fatal begann sich dies auszuwirken, als die Naturwissenschaften und die Technik - und damit verbunden die praktischen Fähigkeiten - mehr und mehr an Bedeutung gewannen. Der Versuch, mit einer Hilfskrücke zwischen Allgemeinbildung und beruflicher Bildung zu unterscheiden, mußte scheitern, weil dies keine Antwort auf die Strukturen und Bedürfnisse der modernen Industriegesellschaft ist, wo handwerkliche, naturwissenschaftliche und technische Fähigkeiten mehr denn je gefragt sind, aber eben nicht isoliert, sondern als Teil eines Gesamtbildungskonzeptes. Daß eine solche neue Bildungstheorie in Deutschland erst in den Anfängen steckt, zeigen die völlig unzureichenden Antworten unseres Bildungssystems auf die Anforderungen des technologischen Fortschritts unseres digitalen Zeitalters.

Kaum ein anderes politisches Thema weckt so viele Emotionen wie das Thema Bildung und Schule. Bildungspolitische Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit stoßen auf starkes konservatives Beharrungs- vermögen. Der traditionelle Bildungsbegriff ist in unserer Gesellschaft fest verankert. Ob der Widerstand gegen Neues, gegen Veränderung auch eine genetische Festlegung ist, sei dahingestellt; auf jeden Fall ist dieses Verhalten menschlich.

Bildung ist ein Prozeß, der niemals aufhört. Fort- und Weiterbildung ist heute akzeptiert, wenn es um die handwerklich-technische und wissenschaftlich-praktische Seite geht. Für die geistig-ästhetische sowie die gesellschaftlich-kulturelle Weiterbildung wird im Rahmen dieser falschen Zweiteilung des Bildungsbegriffs nicht der gleiche Bedarf gesehen, geschweige denn für die notwendige theoretische und praktische Verknüpfung in einem einheitlichen Bildungskonzept.

Weil ich davon überzeugt bin, daß der Mensch sein Leben lang - und nicht nur in der Schule - gebildet wird, und die kulturellen Abwehrkräfte laufend verstärkt werden müssen, werde ich mich weiter dafür einsetzen, daß auch die Angebote der Kultureinrichtungen wie beispielsweise Bibliothek, Theater, Musikschulen, aber auch die entsprechenden Angebote der Volkshochschule und vergleich- barer Institute in unserer Stadt stabil bleiben und ausgebaut werden. Zu dieser Weiterbildung gehört auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Menschheit selbst, die durch kulturelle Zeugnisse und durch schriftliche Quellen belegt ist.

Bildung macht den Menschen aus; sie ist die Schlüsselfunktion für ein friedliches, demokratisches Zusammenleben in Freiheit und garantiert den Menschen Selbstbestimmung, gerade auch, weil sie uns schützt vor unseren eigenen primitiven Instinkten, den gefährlichen Teil unserer genetischen Anlagen.

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