Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 26. Juni 2019

Ausgabe vom 10. Februar 1998

Die Banalität des Bösen

Gilla Cremer spielt die Frau des Obersturmbannführers Koch

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Die Kommandeuse; Foto: Arno Declair

"Man muß verstehen, mit seiner Zeit zu gehen" - so begründet die junge Ilse Köhler 1932 ihren Eintritt in die NSDAP. Sie begegnet dem Obersturmbannführer Karl Koch und zieht im Jahre 1937 als seine Frau mit ihm auf den Ettersberg, einen wunderschönen Hügel bei Weimar, auf dem Goethe einst "Wanderers Nachtlied" dichtete. Hier wird Koch Kommandant des Konzentrationslagers Buchenwald. Von den Jahren in der "Villa Koch", die unmittelbar an das Konzentrationslager Buchenwald grenzte, sagt Ilse Koch später, daß sie "die beste Zeit" ihres Lebens waren, eine satte, eine gute Zeit, gezeichnet von einem luxuriösen und ausschweifenden Lebensstil.

1951 wurde die "Kommandeuse" wegen Anstiftung zu Körperverletzung und Mord zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Ilse Koch, die Zarah Leanders Lied "Der Wind hat mit ein Lied erzählt" besonders liebte, füllte im Nachkriegsdeutschland als "Hexe von Buchenwald" die Schlagzeilen und behauptete selbst noch nach 22 Jahren Haft:"Ich kann mich an nichts erinnern. Ich weiß nichts, ich habe mich nie um Lagerangelegenheiten oder Politik gekümmert.

Ich war immer bemüht, meinem Mann und meinen Kindern eine gute Familienmutter zu sein." Furchterregend an Ilse Koch erscheint heute vor allem ihre Durchschnittlichkeit. Sie hatte im Dritten Reich weder einen Auftrag noch eine offizielle Funktion. Aus Neigung und Gelegenheit wuchs die Stenotypistin zu einer der Schreckensgestalten des Nationalsozialismus - fast beiläufig, so wie sie vier Kinder bekam. Der von Hannah Arendt geprägte Begriff der "Banalität des Bösen" findet in Ilse Koch eine weibliche Symbolfigur.

Das Hamburger Theaterprojekt Kampnagel versucht sich nicht an juristischen Fragen zum Fall Ilse Koch. Vielmehr wollen Gilla Cremer und Regissseur Kaitzler jene Reaktion aus Abwehr und Beklemmung wachrufen, die diese Frau auslöst, weil ihre sadistischen Anteile durchaus nicht so einzigartig sind: "Es bedarf nur gewisser Umstände," sagt Cremer, "ob jemand wie sie seine Zerstörungskraft voll entfalten kann." Die Kommandeuse von und mit Gilla Cremer gastiert am 14. und 15. Februar im Forum Theater.

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