Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 25. August 2019

Ausgabe vom 10. Februar 1998

Die Stadtzeitung findet bundesweites Echo

Die FR, drittgrößte überregionale Tageszeitung, beleuchtet den Lübecker Medienmarkt

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Medienseite der Frankfurter Rundschau vom 4. Februar, Seite 9

Auf ihrer wöchentlichen Medienseite hat sich die Frankfurter Rundschau (FR) am vergangenen Mittwoch mit dem Erscheinen der Lübecker Stadtzeitung und den Auswirkungen auf den Lübschen Medienmarkt beschäftigt. Die FR, erste von den Alliierten nach dem Krieg im Jahre 1945 lizenzierte unabhängige Zeitung, ist eine der größten überregionalen Abonnementsblätter. Nachstehend dokumentieren wir den Artikel in einer leicht redigierten Fassung, die mit dem Autor abgestimmt wurde.

Pressesprecher als Chefredakteur

In Lübeck macht die Stadt der Lokalzeitung Konkurrenz

"Wer für die Lübecker Stadtzeitung arbeitet, weiß, daß dies ohne starke Nerven nicht geht." Matthias Erz ist auf einen harten Kampf mit der Konkurrenz-zeitung Lübecker Nachrichten (LN) vorbereitet. Seit November 1997 ist er Chefredakteur der neuen Lübecker Stadtzeitung - und das neben seiner Arbeit als Sprecher der Stadt. Kostenlos landet das Blatt wöchentlich in 115 000 Briefkästen.

Die Redaktion schreibt über das, was alle Lokalblätter interessieren sollte: die Bürgerschaftssitzung, Probleme mit einer Abfalldeponie und den Verkehr am Holstentor. Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Blatt nicht von anderen Zeitungen. Aber es sorgt für Sturm an der Ostsee. Initiator ist nämlich kein Verlag, sondern die Stadtverwaltung Lübeck. Chefredakteur Erz hat sein Redaktionsbüro im städtischen Presseamt.

Finanziert werden die zwölf Seiten durch den Abdruck von amtlichen Mitteilungen. Die standen vorher in den LN und brachten dieser jährlich 750 000 Mark ein. "Wir gehen durch den Verlust nicht zugrunde", meint LN-Geschäftsführer Günter Semmerow, "ärgern uns aber trotzdem." Denn Lübeck ist mit einer Milliarde Mark verschuldet. "Eine neue steuerfinanzierte Zeitung ist das letzte, was die Stadt noch braucht."

Das sieht die örtliche SPD anders. Schon lange ist ihr der LN-Kurs ein Dorn im Auge. "Die schreiben nur gegen uns", beklagen sich Genossen, "unsere Themen kommen schon lange nicht mehr vor". Tatsächlich hat das Traditionsblatt mit maßgeblicher Springer-Beteiligung nie einen Hehl daraus gemacht, welcher Partei es nahesteht: der örtlichen CDU. Besonders im Fall der Brandkatastrophe im Lübecker Asylbewerberheim in der Hafenstraße im Januar 1996 hat die LN scharf gegen den Kurs von Bürgermeister Michael Bouteiller geschossen.

Erstes kommunales Blatt im Lande

"Wir sind publizistisch unabhängig", verteidigt Semmerow die Linie des Blattes, "machen aber keine Hofberichterstattung." Gegen die Stadtzeitung würde er am liebsten klagen, hält das aber für wenig erfolgversprechend. Denn das vermeintliche SPD- Blatt ist gar keine richtige Zeitung, sondern das amtliche MitteiIungsorgan der Stadtverwaltung. Darum fehlt zum Beispiel ein überregionaler oder ein Sportteil. Zwar ist die Stadtzeitung das erste derartige Blatt in Schleswig Holstein, in den anderen Bundesländern existieren jedoch insgesamt über 1300 derartige Amtsblätter. "Uns kann man nur besonders gut lesen", freut sich Chefredakteur Erz, "dagegen kann doch keiner etwas haben."

Mittlerweile beteiligt sich auch die Leserschaft der Zeitung an der Diskussion. "Wenn die Steuergelder schon so ausgegeben werden, wollen wir auch am finanziellen Untergang der Stadt teilhaben und die Zeitung wenigstens regelmäßig bekommen", beklagt sich Leser Andreas Moll per Leserbrief über Zustellungsprobleme. "Schon immer hatte ich mich über die miserable Qualität eines großen Lübecker Monopolisten geärgert. Ich freue mich nun über ungefärbte Informationen", hält ein anderer dagegen.

BDZV plant Memorandum

Neuerdings ist auch der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) im Lübecker Streit aktiv geworden und arbeitet an einem Memorandum, das im Frühjahr veröffentlicht werden soll. Die Verlegerlobby befürchtet eine Eskalation des Streites. "Wir wollen uns mit den Städten friedlich einigen", lautet die offizielle Verbandspolitik.

Die inoffizielle sehe anders aus, wird im Lübecker Rathaus gemunkelt. Man will von einem "Dreistufenplan" des BDZV wissen, den das dortige Referat "Kommunikation und Multimedia" ausgearbeitet haben soll. Die erste Stufe sehe eine massive Pressekampagne gegen das neue Projekt vor. Die zweite Stufe bestehe aus einem Angebot, sich an der Erstellung der neuen Zeitung zu beteiligen. Nütze das alles nichts, sollten juristische Schritte eingeleitet werden.

"Alles Quatsch", hält Thomas Breyer, Medienreferent beim BDZV, entgegen. "So ein Papier existiert nicht." Eine Pressekampagne in den Lübecker Nachrichten gibt es allerdings schon. Artikel, Kommentare und Leserbriefe gegen die Stadtzeitung füllen bei Chefredakteur Erz mehrere Aktenordner. Auch ein Angebot, das Blatt zu drucken, hat die LN-Geschäftsführung im Lübecker Rathaus hinterlassen. Ohne Erfolg. Die Stadtverwaltung hat den Auftrag lieber einer auswärtigen Firma erteilt, die in der Erstellung kommunaler Mitteilungsorgane bereits Erfahrung sammeln konnte. Sie druckt auch die Rathauszeitung - kommunales Mitteilungsorgan der Stadt Trier und seit Ende 1996 Konkurrenz zum dortigen Lokalblatt Trierischer Volksfreund.

Klage vom Gericht abgeschmettert

Trier und Lübeck weisen erstaunliche Parallelen auf. Auch in Trier war die dortige SPD-Regierung mit dem Lokalblatt unzufrieden und besann sich auf eigene journalistische Kompetenz. Wie in Lübeck folgte eine massive Pressekampagne des Ortsblattes gegen den vermeintlichen Konkurrenten, sodann ein Angebot an die Stadtverwaltung, das Blatt im eigenen Druckhaus zu drucken. Und zum Schluß folgte das, was der Lübecker Geschäftsführer Semmerow auch gerne täte, aber für sinnlos erachtet: eine Klage vor Gericht.

In Trier wurde das Verfahren in allen strittigen Punkten zugunsten der Stadt entschieden. Bis es zur Revisionsverhandlung kommt, mag man sich beim Volksfreund zum Fall nicht mehr äußern. Alle Interview-Wünsche werden abgebügelt: "Kein Kommentar".

MARTIN BUSCHE

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