Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 23. August 2019

Ausgabe vom 17. Februar 1998

Dinosaurier im Gespräch

Grass und Bahr diskutierten im Burgkloster - Verfassungsdebatte angemahnt

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Meister der Wortkunst und Selbstinszenierung: Bahr und Grass; Foto: Erz, Waffek

Ingaburgh Klatt, die Leiterin des Burgklosters hat alle Hände voll zu tun, die Massen vor der Tür abzuhalten: Nein, das Haus ist rappelvoll, kein Einlaß mehr. Schnell hat man die Veranstaltung umfunktioniert nur für geladene Gäste, als klar war, daß der An-drang riesengroß sein würde. Im Kapitelsaal des Burgklosters haben sich etwa 700 Neugierige, meist Prominente aus Politik und Stadtverwaltung, eingefunden. Sie sitzen dichtgedrängt und warten.

Dann ist er da, der große Augenblick: Günter Grass und Egon Bahr geben sich die Ehre. Scherzend bahnen sie sich einen Weg durch die Menge mit einem Glas Rotwein in der Hand. Der Schriftsteller wie man ihn kennt mit Pfeife, mit wachen, kleinen Augen, die über den Rand seiner Lesebrille lugen, und der Politiker, der ganz nah am Tisch Platz nimmt und dem der Schalk im Nacken sitzt.

Bahr ist ein Komikertalent, allein seine ersten Worte "Also, meine Damen und Herren..." rufen Heiterkeit hervor."Weißt du noch damals..." Günter Grass beginnt mit den Erinnerungen an den gemeinsamen Freund und langjährigen Weggefährten Willy Brandt. Damals, das war 1960, als Grass, der wegen seiner Blechtrommel als verrufener Schriftsteller galt, für die SPD in den Wahlkampf zog.

Ritt durch die Geschichte

Quer durch die Geschichte geht der Ritt, denn Brandt ist ein Stück deutsche Geschichte. Von der Wahlkampfrede des damaligen Bürgermeisters von Berlin, in der das Wort "ich" nicht vorkam, über die Verleihung des Friedensnobelpreises, seiner Ostpolitik, seiner Symphatie für Allende bis hin zur Gillaume-Affäre und Brandts Rücktritt läßt Grass die gemeinsamen Stationen Revue passieren. Nie hätte es zu diesem Rücktritt kommen dürfen, darin sind sich Grass und Bahr einig. "Die

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