Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 26. Juni 2019

Ausgabe vom 17. Februar 1998

Das doppelte Käthchen von Heilbronn

Premiere: Andreas von Studnitz inszenierte Kleists Käthchen von Heilbronn am Theater Lübeck

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Käthchens zweite Ohnmacht am Holunderbusch; Foto: Theater Lübeck

Man muß sich das einmal vorstellen: Wo er geht und steht, der Friedrich Wetter vom Strahl (Paul Kaiser), da stellt sich ihm dies Mädchen in den Weg. Ach, was heißt stellt! Sie wirft sich ihm zu Füßen, der Länge nach, folgt ihm Tag und Nacht. Gerade als Friedrich davonreiten will, stürzt Käthchen (Miriam Gruden) sich aus dem Fenster - 30 Fuß tief - direkt vor sein Pferd. Der Mann wußte nicht wie ihm geschieht. Er war bei Käthchens Vater, einem wackeren Schwaben, wegen der Reparatur seiner Rüstung und dann das! Daß Käthchens Vater (Dietrich Neumann) glaubt, daß das nicht mit rechten Dingen zugeht, ist verständlich. Geht es auch nicht. Ein Engel (Sven Simon) hat seine Hand im Spiel. Das Käthchen und der Graf sind füreinander bestimmt, aber die Vorsehung verschließt sich ihrem Bewußtsein.

Andreas von Studnitz hat das Stück als Beziehungsdrama inszeniert: Ein Mann steht zwischen zwei Frauen. Einige Szenen sind wirklich gelungen. Wenn etwa der hehre Cherubim auf einem Teppich mit kitschigen Weihnachtsputten einherschreitet. Oder, wenn Kunigunde, die Durchtriebene, und Eleonore, die Gebeugte, aufeinandertreffen. Sven Simon beherrscht aufs trefflichste den dialogischen Monolog. Verzeihen kann man dem Regisseur auch, daß er die Kriegshelden verhohnepiepelt, wenngleich Gottschalks (Jan Peter Heyne) beflissener Ernst weit komischer wirkt als dieser Klamauk. Aber eine Kunigunde von Thurneck als verführerische Nebenbuhlerin, die eine Sünde wert ist (hervorragend übrigens gespielt von Saskia von Winterfeld)? Und ein engelsgleiches Käthchen, eine anmutige, selbstlos Liebende, die man gern zum Altar führt? Käthchen als Gretchen? Das hat Kleist nicht verdient.

Gleich in der Eingangsszene erscheinen dem Grafen beide Frauen im Traum und da schon blickt er unentschlossen von einer zur anderen. In der Schlußszene dann noch einmal. Wo nimmt von Studnitz das her? Irritierend ist, daß diese Engelsgeschichte und Käthchens traumwandlerische Sicherheit - "den will ich und sonst keinen" - nichts erklärt. Sie wirbt nicht um den Grafen, sagt nicht, was sie will und warum, stattdessen wählt sie den kürzesten Weg, um ihrem Angebeteten vor die Füße zu fallen: Sie springt aus dem Fenster. Das Käthchen, das Studnitz auf die Bühne brachte, hätte mit Sicherheit die Treppe genommen.

Kleists sarkastische Auseinandersetzung mit der Aufklärung, mit dem Christentum und mit der Staatsgewalt, war damals nicht opportun. Aber genau in Kleists Multiperspektive liegt seine Modernität. Der Radikaldramatiker war selber von der Kritik an seinen Stücken nicht frei. 1811 schrieb er an Marie von Kleist: "...die Absicht, es für die Bühne passend zu machen, hat mich zu Mißgriffen verführt, die ich jetzt beweinen möchte." Sein Käthchen, so Kleist, sei der Penthesilea ähnlich, sie sei die andere Seite ein und der selben Medaille. Und Kunigunde? Kleist zeichnet sie als Kunstprodukt, ihr Körper ist ein Ersatzteillager. Bei Studnitz ist sie aber aus Fleisch und Blut, ganz sinnlich, ganz real. Während sich Käthchens instinktives Handeln ohne Sinn und Verstand einer Beurteilung entzieht, entpuppt sich der Geist, das Gute, Wahre, Schöne in der Gestalt Kunigundes als trügerisch.

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