Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Ausgabe vom 24. März 1998

Erinnerungen an den Maler Ervin Bossanyi

Sohn des Künstlers kommt in die Stadtbibliothek und erzählt aus dem Leben seines Vaters

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Ervin Bossanyi in seinem Lübecker Atelier um 1920; Foto : Jo Bossanyi

Professor Jo Bossanyi aus Oxford kommt am Sonntag, 29.März, in die Hansestadt, um aus dem künstlerischen Leben und Schaffen seines berühmten Vaters zu erzählen. Die verschiedenen Lebensabschnitte wie Jugend in Ungarn, Studium und Reisen, Internierung in Frankreich, die Jahre in Lübeck und Hamburg sowie die Emigration und das Leben in England werden dabei beleuchtet. Ein Schwerpunkt des Vortrages wird die Lebensphilosophie in der Arbeit des Künstlers sein.

Ervin Bossanyi, 1891 in Südungarn geboren, kam nach einer vierjährigen Internierung in Frankreich und einem kurzen Aufenthalt im revolutionären Budapest 1919 auf Einladung des Lübecker Gartenbaudirektors Wilhelm Maasz in die Hansestadt. Hier fand der expressionistische Künstler Aufnahme in einer Gruppe Gleichgesinnter wie Asmus Jessen, Albert Aereboe und Curt Stoermer. Für Bossanyi, der sich während seines Studiums an der Kunstgewerbeschule Budapest, später an der Pariser Académie Julian und der Londoner Camden Art School mit den verschiedenen Kunstrichtungen der Zeit auseinandergesetzt hatte, begann in Lübeck das harte Leben der Existenzsicherung. 1921 hatte er die Pianistin Wilma Maasz, die Schwester des Gartenbaudirektors, geheiratet, 1924 wurde der Sohn Jo geboren.

"Da Bilder nicht eßbar sind", schrieb er an einen Freund, "müsse er Kompromisse machen." So entwirft er unter anderem Wohnungseinrichtungen, Lampen, Schmuck, Teppiche und Wandbehänge und für die Firma Villeroy & Boch in Lübeck-Dänischburg Brunnen und Wandverkleidungen. Auf Wunsch des Unternehmenschefs konzipierte er einen Wintergarten mit einer Gruppe von vier Figuren. Ein Exemplar dieser Figuren, das "Blumenmädchen", steht heute im Museum Behnhaus.

Stadtbibliothek ausgemalt

In der Glaswerkstatt von Carl Berkentien erlernte er die Technik der Glasmalerei, die später nach der Emigration seinen Ruf als Künstler in England bestimmte. Neben Ausstellungen setzte der Künstler sich in den zehn Jahren, die er in Lübeck verbrachte, vor allem mit seinen kunsthandwerklichen und bauverbundenen Arbeiten durch. Den größten Erfolg bildete 1926 der Gewinn des Wettbewerbs um die Ausmalung des Lesesaals der neuerbauten Stadtbibliothek. Hier konnte sich Bossanyi gegen die Konkurrenz von Alfred Mahlau und Asmus Jessen durchsetzen. Die Entwürfe, die durch die braune Übermalung in der Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Wirkung stark beeinträchtigt und 1960 freigelegt wurden, zeigen dennoch Bossanyis neuen Stil, der ab Mitte der zwanziger Jahre seine Arbeiten prägte. 1926 hatte die neu ins Leben gerufene "Gesellschaft von Freunden der Stadtbibliothek" die Kosten für die Ausmalung des Lesesaals übernommen. Der "Verein der Freunde der Stadtbibliothek", 1992 wieder gegründet, will diese Tradition pflegen. So heißt auch die Matinee mit Diavortrag, zu der der Freundesverein zusammen mit der Stadtbibliothek am 29. März, 11.30 Uhr, in den Lesesaal der Bibliothek einlädt, "Erinnerungen an Ervin Bossanyi".

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