Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 11. Dezember 2018

Ausgabe vom 13. Juni 2006

Archäologischer Fund

Aufwändige Holzkonstruktion diente einst als Schutz vor Feinden

Als der Künstler Elias Diebel 1552 einen Holzschnitt der Hansestadt Lübeck anfertigte, hätte er wahrscheinlich nicht gedacht, dass eines Tages Archäologen anhand seiner Aufzeichnung nach Überresten der Geschichte suchen würden. Tatsächlich dient der Holzschnitt den Wissenschaftlern immer wieder als Anhaltspunkt für ihre Ausgrabungen. Obwohl Diebel die Hansestadt von der östlichen Seite aus dargestellt hat, hilft das Bild auch bei der neuesten Ausgrabung an der Lübecker Wallstraße weiter. Dort haben die Archäologen eine aufwändige Holzkonstruktion freigelegt, die als Unterbau für einen Schutzwall gedient hat. Neun Meter lange Holzbalken, die in dicht nebeneinander gesetzten Pfählen verzapft sind, schützten den zwölf Meter hohen Moor- oder Dreckwall vor dem Abrutschen in die Trave. Der Wall selber sollte die Bewohner Lübecks im 16. Jahrhundert vor Angriffen mit neuen Waffensystemen schützen. Im 17. Jahrhundert wurde der Wall in ein neues System aus Festungswällen einbezogen und bestand noch bis ins 19. Jahrhundert. Danach, so vermuten die Archäologen wurde die Befestigung zu Bauzwecken mehr oder weniger eingeebnet.

"Im Osten der Stadt fühlte man sich durch die breit aufgestaute Wakenitz sicher und hat solche Wälle nur ansatzweise an den Stadttoren gebaut", berichtet Manfred Schneider, der stellvertretende Leiter des Bereiches Archäologie in Lübeck. Doch an der Westseite musste die reiche Hansestadt besonders geschützt werden.

Gefunden wurden die Überreste der Wallbefestigung bei Ausschachtungsarbeiten an der Dankwartsbrücke. Dort errichtet der Lübecker Bauverein für etwa sechs Millionen Euro drei Stadtvillen mit Mietwohnungen, die im Herbst 2007 übergeben werden sollen. Bisher wird der Bau durch die Ausgrabungen nicht behindert und die Archäologen hoffen, rechtzeitig mit ihrer Arbeit fertig zu werden. Sie wollen den Bestand auf dem Grundstück - der Fund liegt etwa zwei Meter unter den heutigen Geländeniveau - dokumentieren und genau bestimmen. Was aber schließlich mit den Holzbalken und -bohlen passiert, ist noch unklar. Entweder werden sie von den Stadtvillen samt Tiefgarage verbaut. "Dann können spätere Generationen die vielleicht nach dem Abriss oder Verfall der Häuser hier graben, an den Funden weiter forschen", sagt Grabungstechniker Mieczyslaw Grabowski schmunzelnd. Ob die Holzkonstruktion oder Teile davon tatsächlich ausgegraben und eingelagert werden, ist nicht sicher, scheint aber unwahrscheinlich.

Allerdings hoffen die Archäologen, in der Grabungsstelle an der Dankwartsbrücke eventuell ein Wasserbauwerk zu finden. "Es ist möglich, dass Wasser aus der Trave in den hinter dem Wall liegenden Graben geleitet wurde", sagt Manfred Schneider. Der Fund eines Schöpfrades oder ähnliche Konstruktionen wären für die Archäologen eine weitere Attraktion, die die Genauigkeit von Elias Diebel Holzschnitt ein weiteres Mal bestätigen würde. mab

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