Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 15. November 2018

Ausgabe vom 20. Februar 2007

Als sich der "gemeine Pöbel" Luft machte

Geschichte(n) aus dem Archiv der Hansestadt - Heute: Lübeck im Jahr 1727

"Geschichten aus der Geschichte Lübecks" stehen im Mittelpunkt dieser kleinen Artikelserie, die Sie in der SZ lesen können. Geschrieben wurden sie von MitarbeiterInnen und Freunden des Archivs der Hansestadt Lübeck auf der Grundlage der dortigen Schätze zur Geschichte der Stadt und der Hanse.

Das Archiv verwahrt unter anderem zirka sechs Kilometer Akten, Karten und zirka 20.000 Urkunden und Testamente vom Hochmittelalter bis heute. Wissenschaftler kommen ebenso in das Archiv wie Heimat-, Haus- und Familienforscher. Das Archiv der Hansestadt gehört zu den größten und bedeutendsten Kommunalarchiven in Deutschland. http://www.archiv.luebeck.de.

Lübeck Sommer 1727

Am 21. August 1727 dringt eine wütende Menschenmenge in das Haus des Lübecker Advokaten Dr. Röder ein, greift die zum Schutz eingeteilten Soldaten an, plündert und verwüstet das Haus in der Großen Petersgrube. Man gibt Röder die Schuld an der Entwertung der Münzen.

"Geld regiert die Welt", so sagt man. Das war auch in früheren Zeiten nicht anders. Geld wurde auch im 18. Jahrhundert in Lübeck vorrangig im Handel verdient. Alle Bevölkerungsschichten, vom Kaufmann bis zum einfachen Träger und Matrosen, bekamen daher jede Störung der "Kommerzien" und des allgemeinen Wirtschaftslebens sofort zu spüren. Am meisten betroffen aber waren natürlich die, die ohnehin nur wenig oder gar nichts zum Leben hatten. Neid, Wut und Hass, der sich auch gewalttätig äußerte, waren häufig die Folge. So auch in Lübeck im Jahr 1727.

Wertverlust

In der Stadt mussten zu dieser Zeit vor allem die ärmeren Einwohner erfahren, dass die wenigen Münzen, die ihnen überhaupt in der Tasche klimperten, zunehmend an Wert verloren. Der dänische König hatte, um die Kosten des Nordischen Krieges mit Schweden leichter tragen zu können, seit 1715 seine Münzpolitik geändert. Er ordnete an, in seinen Münzstätten den Silbergehalt der Münzen zu verringern. So ließen sich aus einer bestimmten Gewichtsmenge Silber mehr Münzen ausprägen. Den Münzfuß verringern nannte man das, was in Wirklichkeit eine Geldentwertung war, die zu einer Inflation führt. Denn andere Münzstätten zogen nach. Diese "plötzliche Abwürdigung des Dänischen neuen Geldes" und anderer Währungen, so Becker, konnte "im Commercio sowohl als im gemeinen Handel und Wandel hieselbst nicht anders sehr nachtheilige Folgen zu Wege bringen." Geschäftemacher erkannten, dass sich gut verdienen ließ, wenn man das allgemein als verlässlich anerkannte "gute" Lübecker und Hamburger Geld aufkaufte, um es an die Münzen in Kiel, Eutin und Rendsburg zum Umschmelzen zu liefern. Dadurch "ward das Lübeckische schwere Geld selten". Lübecks Obrigkeit musste reagieren und tat es mit einem Münzedikt vom 16. Mai 1727. Darin wurde für die Lübecker Münzen ebenfalls eine Reduzierung des Edelmetallgehalts festgesetzt. Durch diese "Reduction" aber "verlor ein jedweder einen beträchtlichen Theil von seinen Baarschaften. Die Unzufriedenheit hierüber ward allgemein", Waren und Lebensmittel verteuerten sich beinahe schlagartig.

Verdächtigungen

Wie in Notzeiten nicht selten, suchte man einen Sündenbock oder den vermeintlich Schuldigen. Den fand man tatsächlich auch bald "hauptsächlich" in dem Lübecker Bürger und Mitglied der ehrwürdigen Schonenfahrerkompagnie Doktor Joachim Röder. Röder hatte vor Jahren seine Advokatur niedergelegt und beschäftigte sich seitdem offenbar hauptsächlich mit dem großen Geldwechsel- und Kreditgeschäft. Einige Jahre zuvor hatte man ihn in Lübeck verdächtigt, gutes Geld auf die Münzstätte zu Eutin geliefert und minderwertige Münzsorten stattdessen wieder im Umlauf gebracht zu haben.

Doktor Röder kam aufgrund dieser Vorgeschichte in der Krise des Jahres 1727 erneut in Verdacht, an der Ausfuhr der guten Münze und Einfuhr des schlechten Geldes maßgeblich schuldig zu sein. Vertreter der Bürgerschaft, die auch die Aufsicht über das Münzwesen hatten, trafen sich am 21. August 1727 in der Börse und verabredeten, Röder durch den Rat verhaften und seinen Besitz beschlagnahmen zu lassen.

Doch Röder verfügte offenbar über gute Kontakte und Freunde an der richtigen Stelle. Noch bevor ihm eine Wache von acht Mann in sein Haus in der Großen Petersgrube gelegt werden konnte, floh er aus der Stadt.

Doch die Sache hatte damit noch längst nicht ihr Ende gefunden. Zwar zog die Wache vor das Rödersche Haus, in dem sich noch dessen Frau und Kinder aufhielten, und Ratsbedienstete begannen, Handlungsbücher und Briefschaften sicherzustellen. Zugleich aber "sammlete sich ein Haufen junges neugieriges und gemeines Volk" vor dem Gebäude auf der Gasse und zeigten sich drohend und aufmüpfig. Der Rat fürchtete, dass der "Haß", den Röder wegen des verursachten Geldschadens bei den "geringen Leuten" sich zugezogen hatte, sich noch steigern könnte, wenn bekannt würde, dass Röder sich davon gemacht hatte. Vorsorglich legte die Obrigkeit daher am 22. August vormittags ein Kommando von weiteren 16 Mann in das Haus, während sich die Menschenmenge davor ständig vergrößerte.

Nun beging jedoch die Ehefrau Röders einen großen Fehler. Trotz Warnung des wachhabenden Korporals trat sie gegen Abend verschiedentlich an die Haustür und rief der Menschenmenge verwegen zu "Was will der gemeine Pöbel?". Noch tiefere Erbitterung war die Folge und die ersten Steine flogen auf das Haus. Der Rat antwortete und schickte noch einmal 50 Mann auf die Gasse und vor das Rödersche Domizil. Kinder und Hausangestellte waren mittlerweile in Sicherheit gebracht worden.

Steine und Plünderung

Dann brachen sozusagen die Dämme. "Matrosen, Handwerkspurschen und Menschen von der niedrigsten Classe" waren nicht mehr zurückzuhalten: Ein Steinregen flog auf das Haus und die postierten Soldaten, die sich daraufhin in das Rödersche Domizil zurückziehen mussten. Zwei Soldaten wurden "auf den Tod" verwundet, als man einen Ausfall wagte. Nachts um elf Uhr gelang es der Menge, die Haustür aufzusprengen. Eine wüste Plünderung folgte, was nicht niet- und nagelfest war, schleppte die Menge fort, Weinfässer wurden zerschlagen, angeblich Geldbeutel auf dem Rücken fortgetragen. Offenbar beteiligten sich auch Soldaten an der Plünderung. Selbst ein erneutes Kommando von

50 Mann konnte den Tumult nicht beenden, im Gegenteil, durch Steinwürfe wurden ein Unteroffizier und 13 "Gemeine" verwundet. Erst als das Haus komplett verwüstet war, wich endlich die Menschenmenge.

Das Nachspiel der Vorfälle ist schnell erzählt: Weil man weitere Ausschreitungen der unzufriedenen Bevölkerung befürchtete und vielleicht sogar einen Aufruhr gegen die Obrigkeit, bezogen in den folgenden Wochen vier Bürgerkompagnien die Petersgrube, das Rathaus und die Wälle bekamen verstärkte Wachen. Durch Nachforschungen konnte ein kleiner Teil des geraubten Gutes sichergestellt werden, die Ertappten wurden bei "Wasser und Brod" in Haft genommen oder sogar des Landes verwiesen, andere erhielten eine "Leibesstrafe". Erst nach 14 Tagen war schließlich "die Unruhe des Volks gänzlich gestillet".

Kipper und Wipper

Und Röder? Ihm bot der Lübecker Rat 1728 die Rückkehr an, um sein Münzvergehen vor dem Niedergericht zu verhandeln. Der als "Kipper und Wipper" angeklagte Röder kam auch kurzzeitig, setzte sich dann aber nach Kopenhagen ab und erhob Gegenklage vor dem Reichshofrat in Wien auf Erstattung seines Vermögensschadens. Die Untersuchung in der Hansestadt ergab, dass Röder zwar Münzgeld für die enorme Summe von 300.000 Mark Lübsch verkauft und versandt hatte, aber Lübeckische Münzen waren nicht darunter gewesen.

Ein Prozess kam letztlich nicht zustande, die Sache verlief im Sande. Röder, der für die Münzverschlechterung sicherlich nicht der alleinige Verantwortliche war, verlor erhebliche Teile seines Vermögens. Da "das gute Geld nun einmal aus der Stadt" war, griff eine große Teuerung um sich, die vor allem zu Lasten der ärmeren Stadtbevölkerung ging. Sie also waren die Haupt-Leidtragenden der Geldpolitik einiger Münzherren, vor allem des dänischen Königs, der seine Staatsfinanzen mit diesen kurzsichtigen Maßnahmen aufzubessern suchte. Doch war dies beinahe gängige Politik. Man übersah dabei aber, dass die geringerwertigen Münzen, die in Umlauf gebracht wurden, irgendwann über Steuereinnahmen wieder im eigenen Säckel landeten.

Auch wenn viele Menschen heute über den Euro und "gefühlte" oder tatsächliche Teuerungen schimpfen: Niemand wird sich in die damalige Zeit des unvorstellbaren Wirrwars an Zahlungsmitteln und die tägliche Unsicherheit, was ist mein "Taler heute wert?" zurückwünschen. Von den Vorkommnissen im Jahr 1727 bis zur vergleichsweise überaus soliden Währungspolitik unserer Tage sollte es noch ein weiter Weg sein! Jan Lokers

Zurück zur Suche

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de