Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 23. Februar 2017

Ausgabe vom 06. Juni 2000

"Er wirkte ganz in sich gekehrt"

Zeitzeugen erinnern sich an den Besuch von Thomas Mann im Mai 1955 - Erste Ergebnisse des Aufrufs

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"Aber ich denke an Coventry - und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, daß alles bezahlt werden muß" Thomas Mann in seiner Radioansprache im APril 1942

Es war "eine eigenartige Mischung aus Voreingenommenheit und Unsicherheit - beide Seiten hatten ihre Schwierigkeiten", erinnert sich der damalige Oberprimaner des Katharineums, Jürgen Harloff, heute Pastor im Ruhestand, an den Besuch Thomas Manns im Mai 1955 in Lübeck, wo dieser zum Ehrenbürger der Hansestadt ernannt werden sollte. Harloff weiß noch, daß in der Stadt viel diskutiert wurde, ob dies gerechtfertigt sei. Die Bürgerschaft war nur knapp beschlußfähig, als sie am 10. März 1955 den Antrag annahm, ihm diese Würde zu verleihen.

Laut Hannoverscher Presse sagte Bürgermeister Otto Passarge damals, die Ehrung käme vielleicht "etwas spät, aber nicht zu spät". Thomas Mann kommentierte selber gegenüber den Lübecker Nachrichten: "Es hat so viele Spannungen und leidige Mißverständnisse zwischen meiner Vaterstadt und mir in all diesen Jahrzehnten gegeben, daß es mir wirklich wohltut, daß durch diesen Beschluß das alles nun ausgelöscht ist." Er nehme zwar nicht an, daß der Beschluß einstimmig gefaßt sei, aber erinnere sich gern an den Spruch, der über der Schiffergesellschaft steht: "Allen zu gefallen, ist unmöglich."

Am 16. Mai kam Thomas Mann mit seiner Frau Katia am Lübecker Bahnhof an. Polizisten waren "zur Sicherheit des Gastes" vor Ort, wie sich der ehemalige Polizist Jürgen Augustin erinnert; Journalisten erwarteten ihn mit Fotokameras und Radiomikrofonen, der Bürgermeister und die damalige Kultursenatorin
Dr. Luise Klinsmann empfingen ihn im Namen der Stadt. Zunächst ging es nach Trave-münde, das er liebte, seit er dort als Kind die Sommerferien, "die glücklichsten Zeiten meiner Jugend, ja wohl meines Lebens überhaupt", verbrachte hatte.

Katia und Thomas Mann wohnten im Hotel Ostseekurhof an der Kaiserallee. Die heute 78jährige Helga Langer erinnert sich an den Besuch - sie leitete das Hotel damals, eines der besten und teuersten Travemündes, das die Hansestadt Lübeck als Gästehaus nutzte. Es lag mit seiner großen Gartenanlage inmitten eines Parks. Thomas Mann wohnte in Zimmern mit Blick auf das Meer. "Er stand immer auf der Terrasse und guckte hinaus", erzählt Langer. Auch beim Essen saß er am Kopfende eines länglichen Tisches so, daß er den freien Blick auf die Ostsee hatte. Einige Male begleitete sie ihn in den Garten und sagt heute: "Da ging er ganz langsam auf dem Rasen, so Schritt für Schritt. Ich erinnere ihn groß und schlank und ehern. Ich glaube, wir haben uns über Travemünde unterhalten, er liebte das ja hier sehr, und ich auch." Sie weiß auch noch, daß Mann sich wünschte, eine bestimmte Rosensorte zu sehen, die im Gewächshaus des Hotels wuchs: hochgewachsene Stockrosen auf dicken alten Stämmen mit zartgelben Blüten, die an dünnen Stengeln wie Trauben herabhingen und stark dufteten.

Zwei Oberprimaner des Katharineums, Jürgen Harloff und Klaus Bandilla, nahm ihr Deutschlehrer und Rektor der Schule, Dr. Walter Schönbrunn, mit zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde im Audienzsaal des Rathauses am 20. Mai. "Wir fühlten uns gebumfiedelt, denn wir waren bei weitem die Jüngsten im Rathaus", sagt Harloff.

Lübeck gibt ihm die Ehre vor aller Welt feierlich zurück

Sein Mitschüler, heute Dr. Klaus Bandilla, Rheumatologe in Wiesbaden, war besonders von den heißen, großen Fernseh-Scheinwerfern beeindruckt, die den hinteren Reihen die Sicht auf das Geschehen nahmen. "Es war meine erste Veranstaltung mit direkter Fernsehübertragung, natürlich in schwarz-weiß." Harloff hingegen fiel besonders auf, daß "furchtbar viel musiziert" wurde, zum Beispiel das ganze Forellenquintett von Schubert.

Markige Sätze erinnert er nicht, dafür Thomas Manns "eigentlich sehr unbewegliches Gesicht, seine sehr festen Züge. Nur manchmal spielten seine Gesichtsmuskeln doch, er lockerte sie etwas, dann wirkte es so, als ob er angerührt war." Und Thomas Mann redete von seiner Rührung. Er endete seine Dankesrede im Rathaus mit Gedanken an seinen Vater: "Immer hab' ich's bedauert, daß ich ihm zu seinen Lebzeiten so wenig Hoffnung machen konnte, es möchte aus mir in der Welt noch irgendetwas Ansehnliches werden. Desto tiefer ist die Genugtuung, mit der es mich erfüllt, daß es mir gegönnt war, meiner Herkunft und dieser Stadt (...) doch noch etwas Ehre zu machen. Heute gibt das alte Lübeck mir in Gestalt des Dokuments, das ich hier halte, diese Ehre vor aller Welt feierlich zurück. Das ist ein großer rührender Augenblick meines zur Rüste gehenden Lebens. Mein Herz ist voll Dank. Glück und Wohlfahrt unserer Stadt. Concordia domi, foris pax!"

Als er vor das Rathaus trat, streckte ihm ein kleiner Junge im Pepita-Mantel ein buntes Blumensträußchen entgegen. Seine Mutter, eine Verehrerin Manns, hatte den Kleinen vorgeschoben, und auch sie erinnert sich vor allem an sein Aussehen: "Er hatte so einen eleganten Hut auf dem Kopf - den hat er auch nicht abgenommen - und er wirkte ganz in sich gekehrt, ernst, sein Gesicht fast wie eine Maske. Ich fragte mich, was denkt er wohl, was geht in diesem Kopf vor?"

Am Tag nach der Ehrung las Thomas Mann im Stadttheater aus seinem Werk. Dr. Klaus Matthias, Musik- und Literaturwissenschaftler, damals kurz vor Abschluß seiner Dissertation über Thomas Mann, saß bei dieser Lesung im Parkett in der siebten Reihe. Er sagt: "Ich war entzückt von dieser zauberhaften Lesung. Das ganze Theater stand vor ihm auf, und man merkte ihm an, daß er sich unheimlich gefreut hat. Noch in der Vorhalle standen wir alle, klatschten und huldigten ihm."

Diese Begeisterung eines Mann-Anhängers soll nicht da-rüber hinwegtäuschen, daß es viele Lübecker gab, die gegen Thomas Mann waren. Einige Nachkommen alter Lübecker Patrizierfamilien mögen ihm selbst über fünfzig Jahre nach Erscheinen der Buddenbrooks dieses Werk übelgenommen haben.

Die Radioansprache Thomas Manns 1942 brachte die Lübecker gegen ihn auf

Viel entscheidender war jedoch eine Rede Manns aus dem amerikanischen Exil, die 1942 über BBC gesendet wurde. Dort sagte er unter anderem: "Beim jüngsten britischen Raid (englisch für "Angriff") über Hitlerland hat das alte Lübeck zu leiden gehabt. (...) Es hat Brände gegeben in der Stadt, und lieb ist es mir nicht, zu denken, daß die Marienkirche, das herrliche Renaissance-Rathaus oder das Haus der Schiffer-Gesellschaft sollten Schaden gelitten haben. Aber ich denke an Coventry - und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, daß alles bezahlt werden muß. Es wird mehr Lübecker geben, mehr Hamburger, Kölner und Düsseldorfer, die dagegen auch nichts einzuwenden haben, und, wenn sie das Dröhnen der RAF (Royal Air Force) über ihren Köpfen hören, ihr guten Erfolg wünschen."

Das zu verstehen, fiel den Lübeckern schwer, waren sie es doch gewesen, die mitten in der Nacht in die Luftschutzbunker liefen, deren Verwandte starben und deren Häuser zerstört wurden. "Ich konnte nicht verstehen, wie sich jemand bei all dem so wenig in unsere Situation einfühlen konnte", erinnert sich Matthias. "Heute glaube ich, es ist nur zu verstehen aus seiner vollständigen Empörung über dieses Regime." Viele Lübecker wollten diese Rede nicht verzeihen. Der Verehrerin vor dem Rathaus wurde von ihren Nachbarn abgeraten, zu Thomas Mann zu gehen. Ein junger Mann, der sich vor dem Theater ein Autogramm geben ließ, meint sogar, ihm sei seine Arbeitsstelle gekündigt worden, weil er Mann verehrte.

Ein weiteres Mal besuchte Thomas Mann das Theater in Lübeck. Dieses Mal, um sich "Das Bild des Menschen" von Peter Lotar, ein "Requiem auf den deutschen Widerstand," über die Vorgänge um das Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 anzuschauen. Nach der Vorstellung kam Bandilla im rechten Moment, um einen Schirm über den Dichter zu halten, denn es hatte angefangen zu regnen. Er rühmte sich in jungen Jahren, so zum "Schirmherrn" Manns geworden zu sein. Andere freuten sich über ein Autogramm, wie Rosmarie Anwald, die dem Dichter einen Zahlungsbeleg ihres Mannes für ein Moped reichte, das einzige Papier, das sie zur Hand hatte. "Da war ich sehr stolz drauf", erinnert sie sich.

Auch dem Katharineum stattete Mann einen kurzen Besuch ab. Nach Harloffs Erinnerungen sicherte ihm Schönbrunn zu, er werde in Zukunft als "Schulautor" gelesen werden. Bislang stand es im Ermessen der einzelnen Lehrer, ob sie "moderne" deutsche Literatur wie die von Mann behandelten. Harloff: "Wir waren vor allem neugierig: Dieser Mann hat Lübeck beschimpft, hat Lübeck schmutzig gemacht, aber er hat internationale Anerkennung bekommen. Wie sieht er nun aus, wie gibt er sich wohl?"

Der Lübecker Klaus Brenneke hatte über diesen Besuch einen Artikel für die Schülerzeitung geschrieben. Darin heißt es, Mann gedachte "der Zeit, da er als 14- bis15jähriger ,die Schulbank gedrückt habe', und der Lehrer, die ihm prophezeit hätten, er würde wohl nie etwas Ordentliches werden."

Die vielen Termine, Besuche, Stadtrundgänge und Essen strengten den fast 80jährigen an; er notierte ungewöhnlich wenig über den Besuch (siehe Kasten).

Wegen des kalten Wetters reisten die Manns vorzeitig ab. Beim Abschied blickten sie gelöst aus dem Fenster des Zuges, winken der kleinen, am Bahnsteig versammelten Gruppe freundlich zu - ein ungewöhnliches Bild von Thomas Mann, den viele ganz anders erlebt hatten.

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